Unterschätztes Potenzial: Wie Reshoring und Friendshoring Deutschlands Wirtschaft stärken
Angesichts globaler Unsicherheiten überdenken Unternehmen Lieferketten. Reshoring und Friendshoring bieten Deutschland Chancen für Resilienz, Innovation und nachhaltiges Wachstum durch lokale und partnerschaftliche Produktion.

In einer Ära beispielloser globaler Turbulenzen – von geopolitischen Konflikten über Pandemien bis hin zu den Herausforderungen des Klimawandels – werden die Vulnerabilitäten globalisierter Lieferketten immer deutlicher. Reshoring, die Rückverlagerung von Produktionsstätten ins Heimatland, und Friendshoring, die Verlagerung in politisch und wirtschaftlich befreundete Staaten, sind strategische Antworten, die Deutschlands Wirtschaft neue Wege zu erhöhter Resilienz, verbesserter Nachhaltigkeit und gestärkter Wettbewerbsfähigkeit eröffnen können. Diese Entwicklungen sind nicht nur eine Reaktion auf Krisen, sondern eine proaktive Neuausrichtung, die das Potenzial hat, wichtige Sektoren neu zu beleben.
Wachsender Druck: Warum die Globalisierung an ihre Grenzen stößt
Die jahrzehntelange Optimierung globaler Lieferketten auf Kosteneffizienz hat zu einer extremen Abhängigkeit geführt. Ereignisse wie die COVID-19-Pandemie legten offen, wie schnell Lieferungen von Medikamenten, Elektronikkomponenten oder sogar einfachen Alltagsgütern zum Erliegen kommen können. Die Blockade des Suezkanals durch die "Ever Given" im März 2021 zeigte die Fragilität maritimer Transportwege. Jüngste geopolitische Spannungen, insbesondere im Kontext des Ukraine-Kriegs und der sino-amerikanischen Rivalität, verschärfen die Risikobetrachtung zusätzlich. Unternehmen müssen heute nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Risiken in ihre Standortentscheidungen einbeziehen.
Eine Studie der Unternehmensberatung Deloitte aus dem Jahr 2023 ergab, dass mehr als 70% der deutschen Unternehmen ihre Lieferketten als nicht ausreichend resilient einschätzen. Dies treibt die Suche nach Alternativen voran. Reshoring ist die Strategie, bei der die Produktion aus dem Ausland in das Ursprungsland zurückverlagert wird. Friendshoring, ein Konzept, das von der US-Finanzministerin Janet Yellen popularisiert wurde, beschreibt die Verlagerung in Länder, die als geopolitisch und wirtschaftlich verlässlich gelten.
Reshoring in Deutschland: Zwischen Kosten und Kontinuität
Für Deutschland als Hochlohnland stellt Reshoring eine besondere Herausforderung dar. Die höheren Arbeitskosten müssen durch andere Faktoren aufgewogen werden, wie etwa durch Qualität, geringere Transportkosten, kürzere Lieferzeiten, reduzierten Kapitalabfluss, verbesserte Kontrolle über geistiges Eigentum und höhere Nachhaltigkeitsstandards. Der Maschinenbau und die Pharmaindustrie sind Sektoren, in denen erste Reshoring-Tendenzen sichtbar werden. Die BASF SE beispielsweise investiert Milliarden in neue Produktionsanlagen in Europa, um unabhängiger von externen Lieferanten und volatilen Märkten zu werden.
Ein wesentlicher Treiber für die Rückverlagerung ist die zunehmende Automatisierung durch Industrie 4.0-Technologien. Robotergestützte Fertigung, KI-gesteuerte Prozessoptimierung und 3D-Druck reduzieren die Abhängigkeit von manueller Arbeit und gleichen somit Lohnkostenvorteile aus. Eine Umfrage des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) von 2023 zeigt, dass fast ein Viertel der befragten deutschen Industrieunternehmen bereits konkrete Schritte zur Rückverlagerung unternommen hat oder plant. Dabei stehen nicht nur die reinen Kosten, sondern auch die Beherrschbarkeit von Risiken und die Einhaltung regulatorischer Anforderungen im Fokus.
“„Die reine Kostenbetrachtung gehört der Vergangenheit an. Heute entscheiden Resilienz, Nachhaltigkeit und geopolitische Stabilität über den Erfolg von Lieferkettenstrategien. Für den Standort Deutschland ist das eine historische Chance zur Reindustrialisierung im Hightech-Bereich.“”
Friendshoring: Neue Allianzen für stabile Lieferketten
Friendshoring erweitert das Konzept des Reshoring und bietet eine flexible Alternative. Statt die gesamte Produktion ins Heimatland zurückzuholen, wird sie bewusst in Länder verlagert, mit denen Deutschland stabile Handelsbeziehungen, ähnliche Werte und politische Schnittmengen teilt. Dazu gehören traditionell die Länder der Europäischen Union, aber auch verlässliche Partner wie die USA, Kanada oder Japan. Dies reduziert das Risiko politisch motivierter Lieferengpässe und ermöglicht gleichzeitig eine geografische Diversifizierung der Produktion.
| Aspekt | Reshoring (Heimatland) | Friendshoring (befreundetes Land) |
|---|---|---|
| Hauptmotivation | Kontrolle, Qualität, verkürzte Wege | Risikostreuung, politische Stabilität |
| Kostenstruktur | Höhere Arbeitskosten, geringere Transportkosten | Mäßige Arbeitskosten, optimierte Transportwege |
| Beispielindustrien | Spezialmaschinenbau, Pharma, Hightech | Automobilzulieferer, Elektronik, Chemie |
| Regulatorisches Umfeld | Volle Kontrolle, oft höhere Standards | Harmonisierung mit Partnern, oft vergleichbare Standards |
| Abhängigkeitsreduktion | Maximale Autarkie | Reduzierte Abhängigkeit durch Diversifizierung |
Ein Beispiel dafür ist die Automobilindustrie. Angesichts globaler Chip-Engpässe prüfen deutsche Autobauer verstärkt, ob die Produktion kritischer Komponenten nicht innerhalb Europas oder in Nordamerika stattfinden kann. Ein Konsortium unter Führung der Infineon Technologies AG arbeitet beispielsweise daran, die europäische Chip-Produktion zu stärken, um die Abhängigkeit von asiatischen Standorten zu verringern. Solche Kooperationen sind entscheidend für die Schaffung robusterer Ökosysteme.
Wirtschaftliche Hebel und politische Rahmenbedingungen in der DACH-Region
Die Umsetzung von Reshoring und Friendshoring erfordert politische Unterstützung und gezielte Anreize. Die deutsche Bundesregierung hat mit dem "Zukunftspaket für den Industrie- und Forschungsstandort Deutschland" erste Schritte eingeleitet, um Investitionen in die heimische Produktion zu fördern. Dies beinhaltet Subventionen für den Bau neuer Fabriken, Forschungs- und Entwicklungsprogramme sowie Maßnahmen zur Fachkräftesicherung.
Auch in Österreich und der Schweiz gewinnen diese Konzepte an Bedeutung. Die österreichische Regierung fördert beispielsweise mit dem "Standort-Entwicklungsgesetz" Investitionen in Schlüsselindustrien. In der Schweiz, einem Land mit hohem Innovationsgrad und Fokus auf Präzision, wird die Rückverlagerung oft durch den Wunsch nach noch höherer Qualität und Kontrolle über die gesamte Wertschöpfungskette motiviert. Die dortige Uhrenindustrie ist ein Beispiel für eine Branche, die schon lange auf lokale Produktion mit höchster Wertschöpfung setzt, die als natürliches Reshoring-Modell dienen kann.
Anteil deutscher Unternehmen mit Reshoring-Absichten (2020-2025)
Die Rolle von Innovation und Nachhaltigkeit
Reshoring und Friendshoring sind eng mit den Zielen der Nachhaltigkeit und Innovation verknüpft. Kürzere Lieferketten reduzieren den CO2-Fußabdruck durch weniger Transportemissionen. Die lokale Produktion ermöglicht zudem eine bessere Kontrolle über Umweltstandards und Arbeitsbedingungen, was für viele Konsumenten in der DACH-Region zunehmend an Bedeutung gewinnt. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) legt nahe, dass eine signifikante Rückverlagerung von Produktion bis zu 15% der transportbedingten Emissionen einsparen könnte.
Darüber hinaus fördern diese Strategien die Reindustrialisierung und den Aufbau zukunftsfähiger Hochtechnologiearbeitsplätze. Durch die Nähe von Forschung und Produktion entstehen Innovationscluster, die neue technologische Durchbrüche beschleunigen können. Investitionen in Automatisierung, künstliche Intelligenz und grüne Technologien werden zu zentralen Bausteinen dieser neuen Industriepolitik. Dies stärkt nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die soziale Kohäsion durch die Schaffung qualifizierter Arbeitsplätze und die Reduzierung regionaler Ungleichgewichte.
Zukünftige Herausforderungen und Chancen
Trotz der vielversprechenden Potenziale stehen Reshoring und Friendshoring vor erheblichen Herausforderungen. Der Aufbau neuer Produktionskapazitäten ist kapitalintensiv und zeitaufwendig. Der Fachkräftemangel in Deutschland bleibt eine große Hürde; nach Angaben der Unternehmensberatung McKinsey fehlen der deutschen Industrie allein bis 2030 voraussichtlich über 700.000 Fachkräfte. Eine gezielte Bildungsoffensive und eine attraktive Einwanderungspolitik sind unerlässlich.
Dennoch überwiegen die langfristigen Vorteile: eine widerstandsfähigere Wirtschaft, weniger Anfälligkeit für externe Schocks, eine stärkere Innovationsbasis und eine nachhaltigere Produktion. Für den Wirtschaftsstandort Deutschland bieten Reshoring und Friendshoring die Chance, sich als Vorreiter einer neuen, verantwortungsbewussten und resilienten Globalisierung zu positionieren. Es ist eine Investition in die Zukunft, die sich in Zeiten permanenter Unsicherheit als entscheidender Wettbewerbsvorteil erweisen wird.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Reshoring und Offshoring?
Offshoring bezeichnet die Verlagerung von Produktionsprozessen oder Dienstleistungen in ein anderes Land, oft um Kosten zu senken. Reshoring hingegen ist die Rückverlagerung dieser Prozesse oder der Produktion aus dem Ausland zurück in das Heimatland des Unternehmens, typischerweise um Lieferketten zu stärken oder die Kontrolle zu verbessern.
Welche Vorteile bietet Friendshoring für deutsche Unternehmen?
Friendshoring ermöglicht deutschen Unternehmen, ihre Lieferketten zu diversifizieren und so die Abhängigkeit von einzelnen, potenziell instabilen Regionen zu reduzieren. Es fördert Handel und Kooperation mit politisch und wirtschaftlich stabilen Partnerländern, was zu verlässlicheren Lieferungen, gemeinsamen Standards und geringeren geopolitischen Risiken führt.
Welche Branchen in Deutschland profitieren besonders von Reshoring?
Branchen, die hohe Qualitätsansprüche, strenge Regulierungen oder kurze Innovationszyklen haben, profitieren besonders. Dazu gehören der Spezialmaschinenbau, die Pharmaindustrie, die Halbleiterproduktion und die Medizintechnik. Auch die Automobilindustrie zieht kritische Komponenten vermehrt zurück nach Europa.
Welche Herausforderungen müssen bei der Umsetzung von Reshoring beachtet werden?
Herausforderungen umfassen höhere Lohnkosten im Heimatland, den Mangel an qualifizierten Fachkräften, hohe Anfangsinvestitionen für neue Produktionsstätten und die Notwendigkeit, bestehende Lieferantenbeziehungen neu zu bewerten. Zudem erfordert es oft komplexe Anpassungen der Logistik und des Supply Chain Managements.
Wie fördert die deutsche Politik Reshoring und Friendshoring?
Die deutsche Regierung fördert diese Strategien durch Investitionsprogramme, Subventionen für den Aufbau neuer Kapazitäten, Forschungsförderung im Bereich Industrie 4.0 und Maßnahmen zur Fachkräftesicherung. Ziel ist es, den Wirtschaftsstandort Deutschland attraktiver zu gestalten und die globale Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.
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