Biosphäre

Neobiota in Deutschland: Der Fall des nordamerikanischen Signalkrebses

Eine detaillierte Fallstudie zur Verbreitung und den Auswirkungen des invasiven Signalkrebses auf heimische Ökosysteme in Deutschland und die daraus gezogenen Lehren.

Von Dr. Lena Steiner5 Min. LesezeitBerlin, GERMANY
Nordamerikanischer Signalkrebs (Pacifastacus leniusculus) in einem deutschen Flussbett, mit seinen charakteristischen roten Scheren und seinem kräftigen Körper.
EchoChase / AI-generated

Der nordamerikanische Signalkrebs (Pacifastacus leniusculus), eine sogenannte Neobiota, stellt eine erhebliche Bedrohung für die heimischen Flusskrebsarten und die aquatische Artenvielfalt in deutschen Gewässern dar. Ursprünglich aus Nordamerika stammend, wurde diese invasive Spezies ab den 1960er Jahren in Europa eingeführt, oft mit dem Ziel, die Fischerei zu bereichern, verbreitete sich jedoch rasant und verdrängt seither einheimische Spezies wie den Edelkrebs (Astacus astacus), primär durch die Übertragung der hochinfektiösen Krebspest, gegen die der Signalkrebs selbst resistent ist.

Kontext: Die Bedrohung durch Neobiota in deutschen Gewässern

Neobiota sind Tier- und Pflanzenarten, die sich mit menschlicher Hilfe in Gebieten ansiedeln, in denen sie zuvor nicht heimisch waren. In Deutschland sind über 1.200 Neobiota bekannt, von denen etwa 15% als invasiv gelten. Invasive Arten wie der Signalkrebs verursachen jährlich Schäden von geschätzten 12 Milliarden Euro in der Europäischen Union, laut einem Bericht der Europäischen Umweltagentur (EEA) aus dem Jahr 2012. Sie stellen eine der größten Bedrohungen für die Biodiversität weltweit dar und sind neben dem Klimawandel ein Haupttreiber des Artensterbens.

Der Signalkrebs wurde in Deutschland erstmals in den späten 1960er Jahren nachgewiesen, unter anderem im Rhein bei Karlsruhe. Seine Robustheit, hohe Reproduktionsrate und Anpassungsfähigkeit an verschiedene Lebensräume – von schnell fließenden Bächen bis zu stehenden Gewässern – machten ihn zu einem erfolgreichen Invasor. Er erreicht Geschlechtsreife früher als der Edelkrebs und produziert mehr Nachwuchs, was ihm einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil verschafft.

Was geschah: Invasion und Auswirkungen an der Jagst

Ein prägnantes Fallbeispiel für die verheerenden Auswirkungen des Signalkrebses bietet der Fluss Jagst in Baden-Württemberg. In den 1980er Jahren war die Jagst noch ein Rückzugsort für den seltenen Edelkrebs. Eine zunehmende Ansiedlung des Signalkrebses, vermutlich durch illegale Freisetzungen aus Aquakulturen oder privaten Haltungen, führte jedoch zu einem dramatischen Rückgang der Edelkrebs-Populationen. Die primäre Todesursache war die Krebspest, eine Krankheit, die durch den Eipilz Aphanomyces astaci verursacht wird. Der Signalkrebs selbst ist ein Träger dieses Pilzes, ohne sichtbare Symptome zu zeigen, während die europäische Flusskrebsarten innerhalb weniger Wochen daran sterben.

Die Auswirkungen beschränkten sich nicht nur auf den Edelkrebs. Als Allesfresser beeinflusst der Signalkrebs das gesamte Ökosystem. Er verzehrt Wasserpflanzen, kleinere Wirbellose, Fischlaich und Aas, was zu einer Veränderung der Nahrungsnetze und einer Reduktion der Biomasse anderer Arten führt. Die Europäische Kommission stufte den Signalkrebs daher 2016 in der EU-Verordnung 1143/2014 als prioritäre invasive Art ein, dessen Bekämpfung und Management verpflichtend sind.

Der Signalkrebs ist ein Paradebeispiel für eine invasive Art, die durch unsachgemäße menschliche Eingriffe große Teile eines regionalen Ökosystems unwiederbringlich verändern kann. Der Schutz des Edelkrebses ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

Prof. Dr. Rudolf G. Heiler, Limnologe vom Landesfischereiverband Baden-Württemberg

Ergebnisse: Bekämpfungsstrategien und ihre Wirksamkeit

Im Kampf gegen den Signalkrebs wurden und werden verschiedene Strategien angewendet. Eine der wichtigsten ist der gezielte Fang durch Reusen und Fallen. Projekte wie das vom baden-württembergischen Umweltministerium geförderte „LIFE-Projekt Bachmuschel“ nutzen den Fang als primäre Methode zur Eindämmung. Fischer und freiwillige Helfer fangen Signalkrebse in betroffenen Gewässerabschnitten, um die Population zu reduzieren. Allein im Jahr 2022 wurden in einigen Arealen der Jagst über 5.000 Signalkrebse entnommen. Eine vollständige Ausrottung ist jedoch in größeren Gewässersystemen nahezu unmöglich, da die Krebse sich sehr schnell reproduzieren und auch in schwer zugänglichen Bereichen leben können.

Ein weiterer Ansatz ist die Schaffung von Barrieren, wie zum Beispiel Sohlschwellen oder die Umleitung von Gewässern, um die Ausbreitung zu verlangsamen oder zu verhindern. In isolierten Gewässern können auch biotechnische Methoden wie die Biozid-Anwendung erwogen werden, was jedoch aufgrund potenzieller Umweltschäden kontrovers diskutiert wird. Eine vielversprechende Methode ist das Habitatmanagement, welches darauf abzielt, die Lebensbedingungen für den Edelkrebs zu verbessern und gleichzeitig den Signalkrebs zu benachteiligen. Dies kann die Wiederherstellung natürlicher Uferstrukturen oder die Etablierung spezieller Schutzgebiete umfassen.

MerkmalEdelkrebs (Astacus astacus)Signalkrebs (Pacifastacus leniusculus)
UrsprungEuropaNordamerika
Größe (Adult)bis zu 20 cmbis zu 16 cm
Lebenserwartungbis zu 20 Jahre3-5 Jahre
Krebspest-ResistenzNein (sehr empfindlich)Ja (Träger)
Reproduktionsrategeringerhöher
Verhaltennachtaktiv, standorttreutagaktiv, aggressiver, wanderfreudiger
Vergleich der Eigenschaften von Edelkrebs und Signalkrebs

Lehren: Schutzmaßnahmen und zukünftige Herausforderungen

Die Erfahrungen mit dem Signalkrebs in Deutschland zeigen deutlich, wie wichtig Prävention ist. Die unkontrollierte Einführung fremder Arten durch Aquakulturen, Freisetzungen aus Aquarien oder auch durch unwissentlichen Transport von Pilzsporen an Angelgeräten oder Stiefeln muss konsequent verhindert werden. Aufklärungskampagnen für Angler, Teichbesitzer und die breite Öffentlichkeit sind entscheidend, um das Bewusstsein für die Problematik zu schärfen. Organisationen wie der NABU (Naturschutzbund Deutschland) und die Flusskrebs-Initiative Deutschland engagieren sich stark in diesem Bereich.

Zukünftige Herausforderungen liegen in der Entwicklung neuer, effektiverer und selektiverer Bekämpfungsmethoden, die die heimische Fauna nicht beeinträchtigen. Forschung an biologischen Kontrollmechanismen oder genetischen Ansätzen könnte langfristig neue Wege eröffnen. Der Klimawandel könnte zudem die Ausbreitung invasiver Arten weiter begünstigen, da sich wärmere Gewässer für manche Neubürger besser eignen. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Behörden, Wissenschaftlern und lokalen Akteuren ist unerlässlich, um die einzigartige aquatische Biodiversität Deutschlands zu schützen.

Verbreitung des Signalkrebses in ausgewählten Bundesländern (geschätzte befallene Gewässerabschnitte in %)

Häufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Edelkrebs und Signalkrebs?

Der Edelkrebs ist eine heimische europäische Flusskrebsart, während der Signalkrebs aus Nordamerika stammt. Der Hauptunterschied liegt in ihrer Immunität gegenüber der Krebspest: Der Signalkrebs ist resistent und überträgt die Krankheit, der Edelkrebs stirbt daran. Optisch besitzt der Signalkrebs oft einen hellen Fleck an den Scherengelenken, was beim Edelkrebs fehlt.

Ist der Signalkrebs essbar und darf man ihn fangen?

Ja, der Signalkrebs ist essbar und sein Fleisch gilt als Delikatesse. In vielen Bundesländern ist der Fang von Signalkrebsen mit entsprechenden Fischereipapieren und einer Erlaubnis des Gewässereigentümers erlaubt und sogar erwünscht, da dies zur Bestandsreduzierung beiträgt. Es ist jedoch strengstens verboten, gefangene Tiere lebend in andere Gewässer umzusetzen.

Wie erkennt man Krebspest bei Flusskrebsen?

Die Krebspest äußert sich bei europäischen Flusskrebsen durch Verhaltensänderungen wie Orientierungslosigkeit oder Fluchtverhalten am Tag. Oft sind auch schwarze Verfärbungen an der Unterseite des Panzers oder an den Gelenken sichtbar, die durch Pilzzellen verursacht werden. Die Tiere werden lethargisch und sterben schließlich.

Welche Rolle spielen Menschen bei der Verbreitung von Signalkrebsen?

Menschen sind die Hauptursache für die Verbreitung von Signalkrebsen. Dies geschieht häufig durch bewusste, aber meist illegale Freisetzung aus Aquakulturen oder Aquarien. Auch unzureichend gereinigte Angelausrüstung, Boote oder Stiefel können Krebspestsporen oder sogar kleine Krebse von einem Gewässer ins nächste tragen.

Wie kam das an?

Weiterführende Lektüre

Mehr von diesem AutorDr. Lena Steiner

Ausgewählte Recherchen