Kapital

Wagniskapital in Deutschland: Eine Zeitreise vom Ursprung bis zur Neuzeit

Deutschland hat sich von einem verhaltenen Wagniskapitalmarkt zu einem dynamischen Ökosystem entwickelt, das Innovationen und Start-ups maßgeblich vorantreibt.

Von Dr. Clara Steiner6 Min. LesezeitBerlin, GERMANY
Abstrakte Darstellung des Wachstums von Wagniskapitalinvestitionen in Deutschland mit Zahnrädern und Währungssymbolen.
EchoChase / AI-generated

Wagniskapital in Deutschland, auch bekannt als Venture Capital, ist eine Form der Finanzierung für junge, innovative Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial. Es ist das Treibmittel, das Start-ups über die oft kapitallose Gründungsphase hinweg hilft und ihnen ermöglicht, ihre Ideen zur Marktreife zu bringen und zu skalieren. Die Entwicklung dieses Finanzierungssegments in Deutschland war jedoch keineswegs linear, sondern durch Phasen des Aufbruchs, der Zurückhaltung und neuerlicher Stärkung gekennzeichnet, die maßgeblich die heutige dynamische Start-up-Landschaft geprägt haben.

1970er bis 1990er Jahre: Die Geburtsstunde und zögerliche Anfänge

Die ersten Spuren von Wagniskapital in Deutschland lassen sich in den frühen 1970er Jahren finden, inspiriert durch das erfolgreiche US-amerikanische Modell. Damals waren es vor allem Banken und große Industrieunternehmen, die Pionierarbeit leisteten. Institutionen wie die Deutsche Wagnisfinanzierungs-Gesellschaft (DWG), gegründet 1975, spielten eine entscheidende Rolle. Ihre Mission war es, Kapital für technologieintensive Gründer bereitzustellen, wofür sie sich stark an US-Vorbildern orientierte. Allerdings war der Markt lange Zeit von einer hohen Risikoaversion und einem Mangel an erfahrenen Wagniskapitalgebern geprägt. Das Volumen der Investitionen war gering und die Anzahl der Deals überschaubar.

In den 1980er und frühen 1990er Jahren blieb Wagniskapital ein Nischenphänomen. Die deutsche Wirtschaft war stark vom etablierten Mittelstand und Großkonzernen dominiert, denen der Zugang zu traditionellen Bankkrediten offenstand. Die Innovationslandschaft war weniger auf schnell wachsende Technologie-Start-ups ausgerichtet als in den USA. Dennoch entstanden wichtige Akteure wie die KfW Bankengruppe, die über spezifische Programme, etwa im Bereich Technologieförderung, indirekt den Wagniskapitalmarkt unterstützte und somit eine wichtige Infrastruktur für zukünftiges Wachstum legte.

1997-2001: Die Ära der New Economy und des Neuen Marktes

Der echte Durchbruch für Wagniskapital in Deutschland kam mit der Euphorie der New Economy Ende der 1990er Jahre. Der 1997 gegründete Neue Markt an der Frankfurter Wertpapierbörse, der auf kleine und mittlere Wachstumsunternehmen ausgerichtet war, öffnete den Kapitalmarkt für Start-ups. Plötzlich war es möglich, auch mit spekulativen Geschäftsmodellen hohe Bewertungen zu erzielen und Investoren anzuziehen. Dieses Umfeld zog eine Welle von Neuengründungen und Wagniskapitalinvestitionen an, insbesondere in den Bereichen Internet, Software und Telekommunikation. Namhafte Wagniskapitalfirmen wie Holtzbrinck Ventures (heute HV Capital) und Brains to Ventures entstanden in dieser Zeit und profitierten vom Boom.

„Der Neue Markt war Segen und Fluch zugleich. Er hat die deutsche Start-up-Szene aus dem Dornröschenschlaf geweckt, aber auch überzogene Erwartungen geschürt, die schmerzlich korrigiert werden mussten.“

Prof. Dr. Jan Bergmann, Wirtschaftshistoriker an der Universität München

Das Wagniskapitalvolumen explodierte, und viele junge Unternehmer sahen die Möglichkeit, mit ihren Ideen schnell reich zu werden. Im Jahr 2000 erreichte das Investitionsvolumen seinen Höhepunkt mit über 10 Milliarden Euro, ein Wert, der erst viele Jahre später wieder erreicht werden sollte. Doch die Blase platzte im Frühjahr 2000, und der Neue Markt brach 2001 zusammen. Dies führte zu einer tiefgreifenden Vertrauenskrise und einer massiven Schrumpfung des Wagniskapitalmarktes, was viele Investoren und Gründer stark verunsicherte. Die nachfolgende Konsolidierungsphase war entscheidend für die Professionalisierung des Sektors.

2002-2010: Konsolidierung und Professionalisierung

Nach dem Platzen der Dotcom-Blase erlebte der deutsche Wagniskapitalmarkt eine Phase der Ernüchterung und des Wiederaufbaus. Viele unseriöse Akteure verschwanden, und die verbliebenen Fonds und Investoren setzten auf nachhaltigere Geschäftsmodelle und eine gründlichere Due Diligence. In dieser Zeit entstanden Strukturen und Prozesse, die den Markt stabiler und professioneller machten. Die staatliche Förderbank KfW legte mit Programmen wie dem 'ERP-Startfonds' und dem 'European Recovery Program' den Grundstein für eine robustere Finanzierungsinfrastruktur für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) und Start-ups.

Obwohl das Investitionsvolumen deutlich geringer war als zur Hochphase des Neuen Marktes, wurde in dieser Dekade eine solide Basis geschaffen. Die Gründung von Branchenverbänden wie dem Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) half, Standards zu etablieren und die Interessen der Wagniskapitalgeber zu vertreten. Auch die erste Generation erfolgreicher Exits trug dazu bei, das Vertrauen in Wagniskapital als legitime Assetklasse wiederherzustellen und neue Private-Equity-Fonds anzuziehen.

2011-Heute: Aufschwung, Diversifizierung und staatliche Impulse

Ab den 2010er Jahren erlebte Wagniskapital in Deutschland einen kontinuierlichen Aufschwung. Berlin entwickelte sich zu einem der führenden Start-up-Hubs Europas, gefolgt von Standorten wie München und Hamburg. Der Erfolg von Unternehmen wie Zalando, Delivery Hero oder N26 bewies, dass auch in Deutschland global erfolgreiche Technologieunternehmen entstehen können. Dies zog verstärkt internationale Investoren an, was den Wettbewerb und die Finanzierungsmöglichkeiten für Start-ups verbesserte.

JahrInvestitionsvolumen (Mrd. EUR)Anzahl DealsBemerkenswerte Entwicklung
200010.2450Hochphase des Neuen Marktes erreicht Höhepunkt
20051.5180Konsolidierung nach Dotcom-Blase
20102.1220Stetiger Wiederaufbau
20153.0350Berliner Start-up-Szene beginnt zu boomen
20205.3700Digitalisierungsschub durch Pandemie
2023*9.9850Staatliche Förderungen verstärken Markt (Schätzung)
Jährliche Wagniskapitalinvestitionen in deutsche Start-ups (Auswahl)

Die Bundesregierung erkannte zunehmend die Bedeutung von Start-ups für die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit des Landes. Initiativen wie der Zukunftsfonds, der Dachfonds mit einem Volumen von 10 Milliarden Euro betreibt, und die neue Start-up-Strategie mit 152 Maßnahmen, darunter die Mobilisierung von mehr Wachstumskapital, sind klare Signale. Diese Maßnahmen sollen die Finanzierungslücken insbesondere in späteren Phasen schließen und Deutschland zu einem noch attraktiveren Standort für 'DeepTech'- und GreenTech-Start-ups machen. Eine Deloitte-Studie vom Herbst 2023 prognostizierte aufgrund dessen eine weitere Steigerung der Investitionen, wobei das erste Quartal 2024 bereits eine leichte Erholung zeigt.

Obwohl Berlin und Baden-Württemberg weiterhin die Löwenanteile der Wagniskapitalinvestitionen erhalten (laut Startup-Barometer 2023), zielt die Politik darauf ab, die Gründungsdynamik bundesweit zu stärken. Die Herausforderungen liegen nun primär darin, ausreichend Kapital für die Wachstumsphasen der Start-ups bereitzustellen, damit diese nicht ins Ausland abwandern müssen, sowie institutionelle Investoren stärker in den Wagniskapitalmarkt zu integrieren.

Verteilung der Wagniskapital-Investitionen nach Region (Q1 2024)

Herausforderungen und Zukunftsperspektiven

Trotz der positiven Entwicklung steht Wagniskapital in Deutschland weiterhin vor Herausforderungen. Insbesondere die Mobilisierung von Pensionskassen und Versicherungen als institutionelle Anleger ist eine Daueraufgabe. Deren traditionell konservative Anlagestrategien erschweren den Zugang zum Wagniskapitalmarkt, obwohl dieser langfristig attraktive Renditen verspricht. Eine Studie der EU-Kommission aus dem Jahr 2022 zeigte, dass Deutschland im Vergleich zu den USA oder Großbritannien noch Nachholbedarf hat, wenn es um das Volumen an späten Finanzierungsrunden geht.

Die neue 'Zukunftsfinanzierungsgesetz' (ZuFinG) der Bundesregierung, welches in Kraft treten wird, soll durch steuerliche Anreize und die Vereinfachung von Mitarbeiterbeteiligungen die Attraktivität für Start-ups und Investoren weiter steigern. Die Fokussierung auf 'Wachstumskapital' und 'Rüstungsinvestitionen' im Kontext von Start-ups, wie kürzlich in politischen Diskussionen betont, zeigt eine Verschiebung hin zu strategisch wichtigen Sektoren. Deutschland scheint entschlossen, seine Position als Innovationsführer in Europa zu festigen und durch gezielte Förderung den Wagniskapitalmarkt weiter auszubauen, um globale Herausforderungen nicht nur zu lösen, sondern auch wirtschaftlich zu nutzen.

Häufig gestellte Fragen

Was ist Wagniskapital genau?

Wagniskapital, auch Venture Capital genannt, ist Risikokapital, das von Investoren in junge, nicht börsennotierte Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial investiert wird. Im Gegenzug erhalten die Wagniskapitalgeber Anteile am Unternehmen und Mitspracherechte. Ziel ist es, das Unternehmen über mehrere Jahre hinweg zu entwickeln und anschließend profitabel zu verkaufen oder an die Börse zu bringen.

Welche Rolle spielt die Bundesregierung bei der Förderung von Wagniskapital?

Die Bundesregierung spielt eine wachsende Rolle bei der Förderung von Wagniskapital in Deutschland, primär durch die KfW Bankengruppe und Programme wie den Zukunftsfonds. Sie stellt direkte und indirekte Finanzierungen bereit, fördert die Gründung von Dachfonds und schafft rechtliche Rahmenbedingungen wie das Zukunftsfinanzierungsgesetz, um den Markt attraktiver zu machen und private Investitionen zu mobilisieren.

Welche Regionen in Deutschland sind führend im Bereich Wagniskapital?

Berlin ist der unangefochtene Hotspot für Wagniskapitalinvestitionen und Start-ups in Deutschland. Dicht gefolgt sind die Regionen Baden-Württemberg (insbesondere Stuttgart und Karlsruhe) und Bayern (München). Diese Städte und Bundesländer ziehen die größten Investitionsvolumina und die höchste Anzahl an Deals an, dank starker Ökosysteme aus Universitäten, Start-ups und Investoren.

Was sind die größten Herausforderungen für Wagniskapital in Deutschland?

Die größten Herausforderungen liegen in der Mobilisierung von ausreichend Wachstums- und Spätphasenkapital für Scale-ups sowie der stärkeren Einbindung institutioneller Anleger wie Pensionsfonds. Zudem gibt es weiterhin einen Bedarf an mehr erfahrenen Seriengründern und einer breiteren Verteilung der Investitionen über ganz Deutschland, um regionale Ungleichgewichte zu reduzieren.

Was bedeutet 'Exit' im Kontext von Wagniskapital?

Ein 'Exit' bezeichnet den Zeitpunkt, an dem Wagniskapitalgeber ihre Anteile an einem Start-up verkaufen und so ihre Investition realisieren. Dies geschieht typischerweise durch einen Börsengang (Initial Public Offering, IPO), den Verkauf des Unternehmens an einen größeren Konzern (Trade Sale) oder den Verkauf an einen anderen Finanzinvestor (Secondary Buyout). Erfolgreiche Exits sind entscheidend für die Attraktivität von Wagniskapital als Anlageform.

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