Kultur

Was ist der Bauhaus-Stil und warum ist er heute noch so einflussreich?

Von Gropius' radikaler Idee in Weimar bis zu den Designs von Apple und IKEA – wie eine deutsche Kunstschule von 1919 die Welt des Gestaltens für immer veränderte.

Von Klara Schmidt7 Min. LesezeitBerlin, DE
Das Bauhaus-Gebäude in Dessau, ein Paradebeispiel für den Bauhaus-Stil mit seiner geometrischen Form und seiner Glasfassade.
EchoChase / AI-generated

Der Bauhaus-Stil ist weniger ein einheitlicher Stil als vielmehr die Philosophie einer deutschen Kunstschule, die von 1919 bis 1933 bestand. Sie revolutionierte Kunst, Design und Architektur durch die Verbindung von Handwerk und Kunst, die Betonung der Funktionalität und die Verwendung einfacher geometrischer Formen. Ihr Ziel war es, schöne und nützliche Objekte für die Massenproduktion zu entwerfen und so das tägliche Leben zu gestalten.

Was genau ist das Bauhaus?

Das Bauhaus war eine staatliche Kunstschule, die 1919 von dem Architekten Walter Gropius in Weimar gegründet wurde. Ihr damals radikaler Ansatz lag in der Aufhebung der traditionellen Trennung zwischen "hoher" Kunst (Malerei, Bildhauerei) und "angewandtem" Handwerk (Tischlerei, Weberei). Statt klassischer Ateliers und Klassenräume schuf Gropius Werkstätten, in denen Studenten von einem Künstler als „Meister der Form“ und einem Handwerker als „Meister des Handwerks“ gemeinsam unterrichtet wurden.

Das erklärte Ziel war die Erschaffung eines „Gesamtkunstwerks“ – eines harmonisch gestalteten Lebensumfelds vom einfachen Stuhl über das Wohnhaus bis hin zur ganzen Stadt. Die Ausbildung begann mit dem obligatorischen „Vorkurs“, einem einsemestrigen Grundkurs unter anderem bei Johannes Itten und später László Moholy-Nagy, der die kreativen Grundlagen legte und den Studenten half, ihre Materialkenntnisse und ihre persönliche Ausdrucksform zu finden. Dieser pädagogische Ansatz war revolutionär und legte den Grundstein für die moderne Designausbildung weltweit.

Die Geschichte der Schule war politisch turbulent. Aufgrund des Drucks konservativer Kräfte in Thüringen zog das Bauhaus 1925 von Weimar nach Dessau. In Dessau erlebte die Schule ihre Blütezeit, in der das berühmte Schulgebäude und die Meisterhäuser entstanden. 1932 musste sie unter dem Druck der aufstrebenden NSDAP erneut umziehen, diesmal nach Berlin, wo sie als private Einrichtung unter der Leitung von Ludwig Mies van der Rohe nur wenige Monate überlebte, bevor sie 1933 von den Nationalsozialisten zur endgültigen Schließung gezwungen wurde.

Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau! [...] Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück!

Walter Gropius, aus dem Bauhaus-Manifest von 1919

Was sind die Hauptmerkmale des Bauhaus-Stils?

Die Ästhetik des Bauhaus zeichnet sich durch eine radikale Vereinfachung, Funktionalität und den Verzicht auf Ornamente aus. Typisch ist die Reduktion auf geometrische Grundformen wie Quadrat, Kreis und Dreieck sowie die Verwendung von Grundfarben (Rot, Gelb, Blau) neben Schwarz, Weiß und Grau. Das zentrale Gestaltungsprinzip lautet „Form folgt Funktion“: Die äußere Gestalt eines Objekts soll sich aus seinem Zweck ableiten.

Materialehrlichkei war ein weiteres Schlüsselprinzip. Neue industrielle Werkstoffe wie Stahlrohr, Glas und Beton wurden nicht versteckt, sondern offen gezeigt und als ästhetisches Element eingesetzt. Ein berühmtes Beispiel ist Marcel Breuers Freischwinger-Stuhl B32 oder sein „Wassily Chair“, bei dem das Gestell aus gebogenem Stahlrohr die gesamte Konstruktion sichtbar macht. In der Architektur manifestierte sich der Stil durch Flachdächer, große Glasflächen (Vorhangfassaden), weiße Putzfassaden und asymmetrische, kubische Baukörper.

Auch in der Typografie war der Einfluss enorm. Herbert Bayer entwickelte am Bauhaus eine universelle Schrift, die gänzlich auf Großbuchstaben verzichtete und auf einfachen geometrischen Formen basierte. Serifenlose Schriftarten wie Futura oder Helvetica, die heute allgegenwärtig sind, wurden maßgeblich durch diese Experimente beeinflusst und stehen für Klarheit und leichte Lesbarkeit.

Wer waren die wichtigsten Persönlichkeiten des Bauhaus?

Neben dem Gründer und Architekten Walter Gropius prägten weltberühmte Künstler und Designer das Bauhaus als „Meister“. Dazu zählen die Architekten Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe, die Gropius als Direktoren folgten. Die Maler Wassily Kandinsky, Paul Klee und Lyonel Feininger leiteten eigene Kurse und Werkstätten und brachten ihre avantgardistischen Kunsttheorien in die Ausbildung ein.

In den Werkstätten entstanden ikonische Entwürfe. Marcel Breuer, Leiter der Möbelwerkstatt, experimentierte mit Stahlrohr und schuf einige der bekanntesten Möbelklassiker des 20. Jahrhunderts. Marianne Brandt, eine der wenigen Frauen in einer leitenden Position, revolutionierte in der Metallwerkstatt das Design von Alltagsgegenständen wie Lampen und Aschenbechern. Ihr Tee-Extraktkännchen MT 49 ist ein Meisterwerk der geometrischen Abstraktion. Ebenso prägend waren Oskar Schlemmer mit seinen Arbeiten am „Triadischen Ballett“ und László Moholy-Nagy, dessen fotografische und typografische Experimente wegweisend waren.

StandortJahreDirektorenSchwerpunkt
Weimar1919–1925Walter GropiusExpressionistisch, handwerklich, "Gesamtkunstwerk"
Dessau1925–1932W. Gropius, H. Meyer, L. M. van der RoheIndustrielles Design, Architektur, Höhepunkt des Schaffens
Berlin1932–1933Ludwig Mies van der RohePrivat geführte Schule, Fokus auf Architektur
Exilab 1933Diverse (Gropius, Mies, Breuer etc.)Globale Verbreitung der Ideen, v.a. in den USA und Israel
Die drei Standorte des Bauhaus: Weimar, Dessau und Berlin

Warum wurde das Bauhaus in Deutschland geschlossen?

Das Bauhaus-Gebäude in Dessau, ein Paradebeispiel für den Bauhaus-Stil mit seiner geometrischen Form und seiner Glasfassade.
Von Gropius' radikaler Idee in Weimar bis zu den Designs von Apple und IKEA – wie eine deutsche Kunstschule von 1919 die Welt des Gestaltens für immer veränderte.EchoChase / AI-generated

Das Bauhaus wurde 1933 in Berlin auf direkten Druck der Nationalsozialisten endgültig geschlossen. Die Nazis, die wenige Monate zuvor die Macht ergriffen hatten, verachteten die Schule als Hort des „Kulturbolschewismus“ und der „entarteten Kunst“. Ihr kosmopolitischer Geist, ihre internationale Lehrerschaft und ihre progressive, oft linkspolitische Ausrichtung standen im völligen Gegensatz zur reaktionären, völkischen Ideologie des NS-Regimes.

Der politische Druck war jedoch kein neues Phänomen. Bereits in Weimar sah sich die Schule heftiger Kritik von konservativen und nationalistischen Kreisen ausgesetzt, was 1925 zum Entzug der finanziellen Mittel durch die thüringische Landesregierung und zum Umzug nach Dessau führte. In Dessau, einer aufstrebenden Industriestadt mit einer sozialdemokratischen Führung, fand das Bauhaus zunächst ideale Arbeitsbedingungen. Doch mit der wachsenden Stärke der NSDAP wurde die politische Atmosphäre auch hier immer feindseliger. Ironischerweise führte die von den Nazis erzwungene Schließung und die daraus resultierende Emigration vieler Bauhäusler dazu, dass sich ihre Ideen weltweit verbreiteten. Lehrer wie Gropius, Mies van der Rohe und Breuer machten in den USA Karriere und prägten dort eine ganze Generation von Architekten und Designern, was dem Bauhaus zu seinem globalen Ruhm verhalf.

Welchen Einfluss hat das Bauhaus auf Design und Architektur heute?

Der Einfluss des Bauhaus ist heute allgegenwärtig, oft auf eine so subtile Weise, dass wir ihn kaum noch bemerken. Er zeigt sich in der klaren, reduzierten Ästhetik moderner Architektur, im minimalistischen Interieur und im Design unzähliger Alltagsgegenstände. Die Grundidee, dass gutes, funktionales Design für alle zugänglich sein sollte – ein Kerngedanke der Massenproduktion –, lebt in Konzepten von Unternehmen wie IKEA fort.

Auch die digitale Welt ist ohne das Bauhaus kaum denkbar. Die Benutzeroberflächen von Smartphones und Websites, die auf klaren Rastern, serifenlosen Schriften und intuitiver Funktionalität basieren, folgen direkt den Prinzipien des Bauhaus. So wird oft argumentiert, dass das Designethos von Unternehmen wie Apple oder Braun tief in der Bauhaus-Tradition verwurzelt ist. Weltweit lehren Designhochschulen, wie die Bauhaus-Universität in Weimar oder das Illinois Institute of Technology in Chicago (gegründet als „New Bauhaus“), bis heute nach den von Gropius und seinen Kollegen entwickelten pädagogischen Methoden.

Die weißen Würfel der „Weißen Stadt“ in Tel Aviv, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, wurden in den 1930er Jahren von deutsch-jüdischen Architekten gebaut, die am Bauhaus gelernt hatten. Wolkenkratzer in Chicago und New York, entworfen von Mies van der Rohe, verkörpern den „Internationalen Stil“, der direkt aus dem Bauhaus hervorging. Die Schule mag nur 14 Jahre bestanden haben, aber ihr geistiges Erbe gestaltet unsere Welt auch mehr als 100 Jahre nach ihrer Gründung.

Wahrgenommener Einfluss von Designschulen des 20. Jhd. auf heutiges Design (Schätzung)

Häufig gestellte Fragen

Ist Bauhaus nur Architektur?

Nein, das Bauhaus war eine umfassende Gestaltungsschule. Obwohl Architektur als Endziel galt, umfasste die Ausbildung und Produktion auch Möbeldesign, Metallarbeiten, Textildesign, Fotografie, Malerei, Bildhauerei und Typografie. Viele der bekanntesten Bauhaus-Produkte sind Möbel und Alltagsgegenstände.

Was bedeutet der Spruch „Form folgt Funktion“?

„Form folgt Funktion“ ist ein Gestaltungsprinzip, das besagt, dass die Ästhetik eines Produkts oder Gebäudes sich aus seinem Zweck ableiten sollte. Jegliche Dekoration, die keinen praktischen Nutzen hat, wird als überflüssig angesehen. Die Schönheit eines Objekts liegt in seiner Funktionalität und Klarheit.

Gibt es heute noch Bauhaus-Schulen?

Die ursprüngliche Bauhaus-Schule existiert nicht mehr, aber ihr Erbe lebt fort. Die Bauhaus-Universität Weimar versteht sich als Nachfolgerin und führt den Namen und einen Teil des interdisziplinären Geistes fort. Weltweit basieren viele Design- und Architektur-Studiengänge auf den pädagogischen Konzepten, die am Bauhaus entwickelt wurden.

Wo kann ich Original-Bauhaus-Gebäude sehen?

Die wichtigsten originalen Bauhaus-Stätten befinden sich in Deutschland und sind Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Dazu gehören das Schulgebäude und die Meisterhäuser in Dessau sowie das Haus am Horn in Weimar. In Berlin ist das Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung die wichtigste Sammelstelle für die Hinterlassenschaften der Schule.

Sind Bauhaus-Möbel teuer?

Originale, lizenzierte Neuauflagen von Bauhaus-Möbeln, wie der Wassily-Stuhl von Marcel Breuer oder der Barcelona-Sessel von Mies van der Rohe, sind hochwertige Designklassiker und werden von Herstellern wie Knoll oder Thonet zu Preisen von mehreren tausend Euro verkauft. Günstigere, vom Stil inspirierte Möbel sind jedoch weit verbreitet.

Wie kam das an?

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